18/06/2020

10 Fragen mit… SADO OPERA

Mit unserer Interview-Serie »10 Fragen mit…« möchten wir euch eine Reihe von Acts aus dem diesjährigen Programm von Pop-Kultur vorstellen, die unbedingt einen Platz in euren Playlists und Herzen verdient haben. Den Anfang macht die Berliner Band SADO OPERA.

  1. Wenn ihr die Philosophie hinter SADO OPERA in nur einem Satz zusammenfassen müsstet, was würdet ihr sagen?

Eine Musikjournalistin hat es einmal so ausgedrückt: »für SADO OPERA kann – und muss! – ernster politischer Aktivismus mit ernsthaftem Spaß koexistieren«. Das können wir nur unterschreiben!

  1. Die Kernmitglieder von SADO OPERA sind der Colonel und Katya, ursprünglich kommt ihr aus St. Petersburg. Wann und wie wurde die Band gegründet?

Wir waren schon lange an zahlreichen Musik- und Kunstprojekten in St. Peterburg beteiligt, bevor wir uns dazu entschlossen, ein paar gleichgesinnte Menschen zu versammeln und genau das an den Start zu bringen, was uns in der Stadt und vielleicht Russland im Allgemeinen fehlte. Auf unsere erste Tour gingen wir vor zehn Jahren. Stellt euch Russland im Jahr 2010 und uns auf der Bühne vor – eine Punkband mit Make-Up, Strumpfhosen, Miniröcken und manchmal sogar nackt! Es war eine Kombination aus Live-Show und Kabarett mit vielen bunten Nummern, die mit Songs zusammengebracht wurden, die sich über Homophobie, Militarismus und Misogynie lustig machten. Drag Queens mit Gitarren, Synthesizer, eine Drummerin im Bikini, die schnelle Rhythmen trommelte und manchmal Dildos als Drumsticks benutzt. Das muss unser russischer Queercore gewesen sein. Im Underground waren wir erfolgreich und spielten mehr und mehr in St. Petersburg, Moskau und anderen russischen Städten. Wo wir herkommen, ist Akzeptanz nicht Teil unserer Realität. Jede*r kann in jedem Moment von der Polizei aufgehalten und ausgeraubt werden. Und leider wird selbst Schulkindern erzählt, dass es sich bei Queerness um eine Krankheit handle. Der Hintergrund und die Atmosphäre waren dementsprechend intensiv. Das Publikum nahm uns aber in der Regel gut auf. Viele waren bei unseren Shows total aufgedreht, weil sie eine kollektive Realitätsflucht anboten.

  1. Ihr seid seit Jahren in der Berliner Szene aktiv. Was hat euch in die Bundeshauptstadt gezogen?

Berlin war schon immer ein Traum für uns. Wir waren immer gerne zu Besuch und konnten es jedes Mal nicht abwarten, wieder dorthin zurückzukehren. Und dann spielten wir im Jahr 2011 unseren ersten Gig im berüchtigten Club Salon zur Wilden Renate. Das war definitiv ein gegenseitiger »Liebe auf den ersten Blick«-Moment, der sich zu einer wilden Affäre mauserte, als wir wieder und wieder dorthin eingeladen wurden. Als wir mehr und mehr in Berlin spielten, erlaubte uns das, Tourneen durch Europa um unsere Aufenthalte herum zu organisieren. So kam es, dass wir nach und nach immer mehr Zeit auf dieser Zeit der Grenze verbrachten. Wir fingen außerdem an, mit anderen Berliner Acts gemeinsam Musik zu machen.  Da wir soviel in der Stadt zu tun hatten, zogen wir im Jahr 2014 herüber. Berlin hat sich immer schon wie ein Zuhause angefühlt. »This must be the place«, wie es bei den Talking Heads heißt.

  1. SADO OPERA ist die Resident-Hausband des Salons zur Wilden Renate. Was genau beinhaltet das?

Das Aufeinandertreffen mit der Wilden Renate ist ehrlich gesagt eine der besten Sachen, die uns je zugestoßen ist. Persönlich ebenso wie professionell. Wir selbst, genauso wie unsere Show, entwickelten uns parallel zu den Transformationen, die der Club durchlief. Wir haben in den vergangenen Jahre eine Menge miteinander ausprobiert. Als der Konzertraum des Clubs zu einem großen Techno-Floor umgebaut wurde, konzentrierten wir uns auf die Kuration einer der anderen Floors – den Absinthe Room. Der Colonel schmeißt dort zwei Mal im Monat seine Love-Radio-Shows und Katya ist bei besonderen Anlässen die Gastgeberin des Floors, beispielsweise am Club-Geburtstag oder zu Neujahr, wenn die Party Tage (und Nächte) andauert. Wir bemühen uns auch, queere Künstler*innen aus Russland dorthin einzuladen. Wir glauben, dass der Brückenschlag von der russischen Community hin zur internationalen Szene sehr wichtig ist. Katya ist hauptsächlich dafür verantwortlich, das ist ihr kink! Und natürlich danken wir der Wilden Renate für ihre Unterstützung.

  1. Eure Live-Auftritte stellen offensichtlich die größte Säule des SADO-OPERA-Universums dar. Was ist das Konzept hinter euren extravaganten Live-Shows?

Wir liiiiieben es einfach, auf Tour zu gehen und live zu spielen. Das ist wahrscheinlich unsere liebste künstlerische Praxis – auf der Bühne zu stehen und diese Momente mit den Menschen zu teilen. Und es ist uns damit sehr ernst. Abgesehen von Konzertvenues und Popfestivals spielen wir auch in vielen Techno-Clubs und auf großen Events für elektronische Musik. Unsere Musik ist eine Mischung aus Disco, House, Funk und Electro. Und wir reden viel von Inklusion, Freiheit, Sichtbarkeit und Sexualität. Was einer Definition wohl am nächsten käme ist, wenn wir es als fluid bezeichnen. Ein Techno-Wunderland und Disco-Märchen. Wir sind eine queere Band, die in Make-Up und Kostümen auftritt. Die visuelle Komponente ist für uns also genauso wichtig wie die Musikproduktion.

  1. Ihr standet bekanntermaßen mal mit Conan O’Brien auf der Bühne, als der in Berlin ein Feature über die Stadt drehte. Mal ehrlich: Wie groß sind seine Chancen, eines Tages ein Vollzeitmitglied von SADO OPERA zu werden?

Na ja, jede*r ist dazu eingeladen, ein potenzielles »Vollzeit-« oder »One-Night-Stand-«Mitglied der Show zu werden. Wir lieben es, mit anderen zusammenzuarbeiten und sind immer offen für Neues. Falls ihr, die ihr das lest, jetzt den Drang verspürt – schreibt uns einfach! Conan O’Brien zu treffen war tatsächlich eine interessante Erfahrung. Die Einladung, in seiner Show aufzutreten, war für uns sehr aufregend. Er ist sehr berühmt, für uns aber war es wichtiger, dass er eine liebenswerte Person war. Mit ihm zu spielen, hat Spaß gemacht, und mit ihm zu reden genauso. Wir überraschten ihn mit unserer Sexualität und er uns, indem er uns auf der Bühne begleitete und sich voll in ein SADO-OPERA-Mitglied verwandelte. Als Conan und der Colonel unseren Song »Kissing The Gay Guy« vor ausverkaufter Hütte und den großen amerikanischen Kameras sangen, kamen sie sich sehr, sehr nahe. Seitdem sind seine Chancen groß.

  1. Spaß beiseite: Die COVID-19-Pandemie machte es für Pop-Kultur notwendig, sich neu zu entwerfen. Euer Beitrag wird nun auch anders als zuvor geplant. Könnt ihr uns schon erzählen, was wir davon zu erwarten haben?

Was auch immer wir an dieser Stelle darüber sagen könnten, wie uns die Pandemie in allen möglichen persönlichen und beruflichen Arten und Weisen beeinträchtigt hat, würde trivial klingen. Uns ist klar, dass wir alle in einem Boot sitzen. Es handelt sich definitiv um eine herausfordernde Erfahrung und der erste Teil der Reise war für einige der Bandmitglieder sehr emotional und dramatisch, da sie eine ziemlich harte Zeit durchliefen. Die anderen sublimierten es im Studio und steckten die ganze Energie von Verzweiflung und Hoffnung in unsere Synthies und Maschinen, um neues Material aufzunehmen. Doch allen aus der SADO-Familie fällt es schwer, nicht live für die Menschen spielen zu können. Wir lieben es zu touren und vermissen es ständig, auf der Bühne zu stehen. Andererseits, um es positiv zu wenden: Wir versuchen über all das als kreative Herausforderung für uns Künstler*innen nachzudenken, herauszufinden, wie wir denselben (oder doch einen ganz anderen?) Vibe und die Energie zwischenmenschlicher Verbindungen aufkommen lassen können, während wir physisch voneinander getrennt sind und nur der Screen uns verbindet.  Was, wenn der Bildschirm bislang von uns Live-Performer*innen unerforschte und vernachlässigte Potenziale birgt? Und was, wenn das Publikum dazu eingeladen wird, mit uns auf die Bühne zu treten und einen genaueren Blick in die Welt von SADO OPERA werfen zu können? Was, wenn wir am Ende alle die Schuld gemeinsam schultern, »Share the Blame«?

  1. Wo wir schon dabei sind: Eure letzte Single »Share the Blame« leiht sich ihren Namen vom berüchtigten Club Ficken3000, wo ihr eine monatliche Partyreihe organisiert, doch nennt ihr genauso Dantes »Göttliche Komödie« als eine Referenz. Worum geht es in dem Stück?

»Share the Blame« erzählt die Geschichte von Dantes Disco-Inferno: Vergil hat ein +1 für das Ficken3000 und losgelöste Liebende frönen ihren fleischlichem Verlangen – verdammt seien die ewigen Nachwirkungen! Das Ficken3000 hätte ursprünglich im April seinen 22. Geburtstag gefeiert und hatten eine große Release-Show geplant. Leider wurde natürlich alles abgesagt. In der Zwischenzeit haben wir uns selbst isoliert, die EP angehört und all die Darkroom- und Dancefloor-Momente im Club genauso Revue passieren lassen wie all die echten Geschichten, die das Stück inspiriert haben. Der Sound liegt in der Mitte zwischen elektronischem Disco und House. Und wir haben erneut unsere Lieblings-Synthesizer aus den frühen Achtzigern verwendet, darunter ein Roland Juno-60 und ein Korg Poly-61. Der Song wird begleitet von Remixen von Jarle Bråthen und Johannes Albert, der Resident-DJ in der Wilden Renate ist.

  1. Ihr wart in letzter Zeit allgemein im Studio sehr aktiv. Wie gestaltet sich euer Arbeitsprozess? Sind alle Mitglieder gleichermaßen beteiligt oder teilt das Kernduo das Songwriting unter sich auf?

Um ganz ehrlich zu sein: Was wir auf der Bühne treiben und worüber wir in unseren Songs singen, ist ein Spiegelbild unseres echten Lebens. Oftmals scheint das, was in einer Kultur als schockierend aufgefasst wird, in der anderen die absolute Norm zu sein. Sexuelle Energie und freiheitliche Sexualität sind für uns sehr wichtig. Zumeist sind wir vier oder fünf Menschen auf der Bühne. Es gibt noch andere Menschen, die nicht mit uns dort oben stehen, die wir aber dennoch als vollwertige Mitglieder betrachten. Je mehr wir mit unseren Auftritten die Welt bereisen, desto mehr Geschwister und Liebhaber*innen treffen wir. Das ist unsere SADO-Familie. Was unsere Studioarbeit anbelangt, so werden dafür überwiegend unser Drummer Icky, der Colonel und Katya eingespannt. Dieser flotte Dreier liefert die frisch geborenen Tracks aus. Manchmal stößt noch jemand anderes dazu. Wir bezeichnen das als Kollaboration… So wie mit der französischen Band dOP auf »In The Dark«, dem deutschen Produzenten Noema für den »Bathroom Song« und »Imaginarium« oder dem Norweger Jarle Bråthen und Johannes Albert aus Lichtenberg, die die Remixe für unsere Single »Share The Blame« beigesteuert haben. Es gibt da noch ein paar andere Leute, die lieber anonym bleiben möchten.

  1. Was wünscht ihr euch für die Zukunft dieser Welt?

Was lässt sich der Welt schon anderes wünschen als Liebe, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung! Im Allgemeinen ist eines unserer Hauptziele, Wege zu finden, um uns von Definitionen und Grenzen aller Art freizumachen. Wir wünschen uns für die Gegenwart genauso wie für die Zukunft, dass wir das weiterhin tun und uns zwischendurch daran erinnern können, dass diese Herausforderung auch mit jeder Menge Spiel und Spaß einhergeht. Wir wünschten auch, dass mehr und mehr Menschen die Möglichkeit bekommen, sich zu vereinen und miteinander zu arbeiten. Wir sind offen für Kollaborationen und freuen uns immer darauf, neue Kolleg*innen zu treffen. Manche von ihnen werden zu Familienmitgliedern. Wir glauben fest an die Macht der selbsterwählten Familie. Zum Beispiel haben wir vor nicht allzu langer ein kollaboratives Projekt umgesetzt. Es ist ein Video für unseren Song »Patriarchs«. Das war eine sehr interessante Erfahrung für uns. Wir haben einfach auf Instagram einen Aufruf gestartet und so jede Menge fantastischer Künstler*innen gefunden! Es war sehr spannend für uns, zu sehen, wie Social Media – die ja auch ein Übel sein können – dazu dienen, Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen von überall her zusammenzubringen. Und wie es möglich wird, miteinander in Kontakt zu treten und zusammenzuarbeiten. Ein weiteres tolles Beispiel ist für uns die erste russische Online-Prida-Parade, die vom queeren russischen Magazin O-zine ins Leben gerufen wurde. Es ist eine interessante, mutige und lang erwartete Lösung angesichts der Einschränkungen in Russland, die nicht nur der Pandemie, sondern auch der notorischen »Schwulen-Propaganda«-Gesetze des Landes wegen bestehen. Obwohl die russische Pride in den Straßen verboten ist, findet sich die Community nun online zusammen.

SADO OPERA (Foto: Anastasia Shamray)

SADO OPERA (Foto: Anastasia Shamray)

Mit unserer Interview-Serie »10 Fragen mit…« möchten wir euch eine Reihe von Acts aus dem diesjährigen Programm von Pop-Kultur vorstellen, die unbedingt einen Platz in euren Playlists und Herzen verdient haben. Den Anfang macht die Berliner Band SADO OPERA.

  1. Wenn ihr die Philosophie hinter SADO OPERA in nur einem Satz zusammenfassen müsstet, was würdet ihr sagen?

Eine Musikjournalistin hat es einmal so ausgedrückt: »für SADO OPERA kann – und muss! – ernster politischer Aktivismus mit ernsthaftem Spaß koexistieren«. Das können wir nur unterschreiben!

  1. Die Kernmitglieder von SADO OPERA sind der Colonel und Katya, ursprünglich kommt ihr aus St. Petersburg. Wann und wie wurde die Band gegründet?

Wir waren schon lange an zahlreichen Musik- und Kunstprojekten in St. Peterburg beteiligt, bevor wir uns dazu entschlossen, ein paar gleichgesinnte Menschen zu versammeln und genau das an den Start zu bringen, was uns in der Stadt und vielleicht Russland im Allgemeinen fehlte. Auf unsere erste Tour gingen wir vor zehn Jahren. Stellt euch Russland im Jahr 2010 und uns auf der Bühne vor – eine Punkband mit Make-Up, Strumpfhosen, Miniröcken und manchmal sogar nackt! Es war eine Kombination aus Live-Show und Kabarett mit vielen bunten Nummern, die mit Songs zusammengebracht wurden, die sich über Homophobie, Militarismus und Misogynie lustig machten. Drag Queens mit Gitarren, Synthesizer, eine Drummerin im Bikini, die schnelle Rhythmen trommelte und manchmal Dildos als Drumsticks benutzt. Das muss unser russischer Queercore gewesen sein. Im Underground waren wir erfolgreich und spielten mehr und mehr in St. Petersburg, Moskau und anderen russischen Städten. Wo wir herkommen, ist Akzeptanz nicht Teil unserer Realität. Jede*r kann in jedem Moment von der Polizei aufgehalten und ausgeraubt werden. Und leider wird selbst Schulkindern erzählt, dass es sich bei Queerness um eine Krankheit handle. Der Hintergrund und die Atmosphäre waren dementsprechend intensiv. Das Publikum nahm uns aber in der Regel gut auf. Viele waren bei unseren Shows total aufgedreht, weil sie eine kollektive Realitätsflucht anboten.

  1. Ihr seid seit Jahren in der Berliner Szene aktiv. Was hat euch in die Bundeshauptstadt gezogen?

Berlin war schon immer ein Traum für uns. Wir waren immer gerne zu Besuch und konnten es jedes Mal nicht abwarten, wieder dorthin zurückzukehren. Und dann spielten wir im Jahr 2011 unseren ersten Gig im berüchtigten Club Salon zur Wilden Renate. Das war definitiv ein gegenseitiger »Liebe auf den ersten Blick«-Moment, der sich zu einer wilden Affäre mauserte, als wir wieder und wieder dorthin eingeladen wurden. Als wir mehr und mehr in Berlin spielten, erlaubte uns das, Tourneen durch Europa um unsere Aufenthalte herum zu organisieren. So kam es, dass wir nach und nach immer mehr Zeit auf dieser Zeit der Grenze verbrachten. Wir fingen außerdem an, mit anderen Berliner Acts gemeinsam Musik zu machen.  Da wir soviel in der Stadt zu tun hatten, zogen wir im Jahr 2014 herüber. Berlin hat sich immer schon wie ein Zuhause angefühlt. »This must be the place«, wie es bei den Talking Heads heißt.

  1. SADO OPERA ist die Resident-Hausband des Salons zur Wilden Renate. Was genau beinhaltet das?

Das Aufeinandertreffen mit der Wilden Renate ist ehrlich gesagt eine der besten Sachen, die uns je zugestoßen ist. Persönlich ebenso wie professionell. Wir selbst, genauso wie unsere Show, entwickelten uns parallel zu den Transformationen, die der Club durchlief. Wir haben in den vergangenen Jahre eine Menge miteinander ausprobiert. Als der Konzertraum des Clubs zu einem großen Techno-Floor umgebaut wurde, konzentrierten wir uns auf die Kuration einer der anderen Floors – den Absinthe Room. Der Colonel schmeißt dort zwei Mal im Monat seine Love-Radio-Shows und Katya ist bei besonderen Anlässen die Gastgeberin des Floors, beispielsweise am Club-Geburtstag oder zu Neujahr, wenn die Party Tage (und Nächte) andauert. Wir bemühen uns auch, queere Künstler*innen aus Russland dorthin einzuladen. Wir glauben, dass der Brückenschlag von der russischen Community hin zur internationalen Szene sehr wichtig ist. Katya ist hauptsächlich dafür verantwortlich, das ist ihr kink! Und natürlich danken wir der Wilden Renate für ihre Unterstützung.

  1. Eure Live-Auftritte stellen offensichtlich die größte Säule des SADO-OPERA-Universums dar. Was ist das Konzept hinter euren extravaganten Live-Shows?

Wir liiiiieben es einfach, auf Tour zu gehen und live zu spielen. Das ist wahrscheinlich unsere liebste künstlerische Praxis – auf der Bühne zu stehen und diese Momente mit den Menschen zu teilen. Und es ist uns damit sehr ernst. Abgesehen von Konzertvenues und Popfestivals spielen wir auch in vielen Techno-Clubs und auf großen Events für elektronische Musik. Unsere Musik ist eine Mischung aus Disco, House, Funk und Electro. Und wir reden viel von Inklusion, Freiheit, Sichtbarkeit und Sexualität. Was einer Definition wohl am nächsten käme ist, wenn wir es als fluid bezeichnen. Ein Techno-Wunderland und Disco-Märchen. Wir sind eine queere Band, die in Make-Up und Kostümen auftritt. Die visuelle Komponente ist für uns also genauso wichtig wie die Musikproduktion.

  1. Ihr standet bekanntermaßen mal mit Conan O’Brien auf der Bühne, als der in Berlin ein Feature über die Stadt drehte. Mal ehrlich: Wie groß sind seine Chancen, eines Tages ein Vollzeitmitglied von SADO OPERA zu werden?

Na ja, jede*r ist dazu eingeladen, ein potenzielles »Vollzeit-« oder »One-Night-Stand-«Mitglied der Show zu werden. Wir lieben es, mit anderen zusammenzuarbeiten und sind immer offen für Neues. Falls ihr, die ihr das lest, jetzt den Drang verspürt – schreibt uns einfach! Conan O’Brien zu treffen war tatsächlich eine interessante Erfahrung. Die Einladung, in seiner Show aufzutreten, war für uns sehr aufregend. Er ist sehr berühmt, für uns aber war es wichtiger, dass er eine liebenswerte Person war. Mit ihm zu spielen, hat Spaß gemacht, und mit ihm zu reden genauso. Wir überraschten ihn mit unserer Sexualität und er uns, indem er uns auf der Bühne begleitete und sich voll in ein SADO-OPERA-Mitglied verwandelte. Als Conan und der Colonel unseren Song »Kissing The Gay Guy« vor ausverkaufter Hütte und den großen amerikanischen Kameras sangen, kamen sie sich sehr, sehr nahe. Seitdem sind seine Chancen groß.

  1. Spaß beiseite: Die COVID-19-Pandemie machte es für Pop-Kultur notwendig, sich neu zu entwerfen. Euer Beitrag wird nun auch anders als zuvor geplant. Könnt ihr uns schon erzählen, was wir davon zu erwarten haben?

Was auch immer wir an dieser Stelle darüber sagen könnten, wie uns die Pandemie in allen möglichen persönlichen und beruflichen Arten und Weisen beeinträchtigt hat, würde trivial klingen. Uns ist klar, dass wir alle in einem Boot sitzen. Es handelt sich definitiv um eine herausfordernde Erfahrung und der erste Teil der Reise war für einige der Bandmitglieder sehr emotional und dramatisch, da sie eine ziemlich harte Zeit durchliefen. Die anderen sublimierten es im Studio und steckten die ganze Energie von Verzweiflung und Hoffnung in unsere Synthies und Maschinen, um neues Material aufzunehmen. Doch allen aus der SADO-Familie fällt es schwer, nicht live für die Menschen spielen zu können. Wir lieben es zu touren und vermissen es ständig, auf der Bühne zu stehen. Andererseits, um es positiv zu wenden: Wir versuchen über all das als kreative Herausforderung für uns Künstler*innen nachzudenken, herauszufinden, wie wir denselben (oder doch einen ganz anderen?) Vibe und die Energie zwischenmenschlicher Verbindungen aufkommen lassen können, während wir physisch voneinander getrennt sind und nur der Screen uns verbindet.  Was, wenn der Bildschirm bislang von uns Live-Performer*innen unerforschte und vernachlässigte Potenziale birgt? Und was, wenn das Publikum dazu eingeladen wird, mit uns auf die Bühne zu treten und einen genaueren Blick in die Welt von SADO OPERA werfen zu können? Was, wenn wir am Ende alle die Schuld gemeinsam schultern, »Share the Blame«?

  1. Wo wir schon dabei sind: Eure letzte Single »Share the Blame« leiht sich ihren Namen vom berüchtigten Club Ficken3000, wo ihr eine monatliche Partyreihe organisiert, doch nennt ihr genauso Dantes »Göttliche Komödie« als eine Referenz. Worum geht es in dem Stück?

»Share the Blame« erzählt die Geschichte von Dantes Disco-Inferno: Vergil hat ein +1 für das Ficken3000 und losgelöste Liebende frönen ihren fleischlichem Verlangen – verdammt seien die ewigen Nachwirkungen! Das Ficken3000 hätte ursprünglich im April seinen 22. Geburtstag gefeiert und hatten eine große Release-Show geplant. Leider wurde natürlich alles abgesagt. In der Zwischenzeit haben wir uns selbst isoliert, die EP angehört und all die Darkroom- und Dancefloor-Momente im Club genauso Revue passieren lassen wie all die echten Geschichten, die das Stück inspiriert haben. Der Sound liegt in der Mitte zwischen elektronischem Disco und House. Und wir haben erneut unsere Lieblings-Synthesizer aus den frühen Achtzigern verwendet, darunter ein Roland Juno-60 und ein Korg Poly-61. Der Song wird begleitet von Remixen von Jarle Bråthen und Johannes Albert, der Resident-DJ in der Wilden Renate ist.

  1. Ihr wart in letzter Zeit allgemein im Studio sehr aktiv. Wie gestaltet sich euer Arbeitsprozess? Sind alle Mitglieder gleichermaßen beteiligt oder teilt das Kernduo das Songwriting unter sich auf?

Um ganz ehrlich zu sein: Was wir auf der Bühne treiben und worüber wir in unseren Songs singen, ist ein Spiegelbild unseres echten Lebens. Oftmals scheint das, was in einer Kultur als schockierend aufgefasst wird, in der anderen die absolute Norm zu sein. Sexuelle Energie und freiheitliche Sexualität sind für uns sehr wichtig. Zumeist sind wir vier oder fünf Menschen auf der Bühne. Es gibt noch andere Menschen, die nicht mit uns dort oben stehen, die wir aber dennoch als vollwertige Mitglieder betrachten. Je mehr wir mit unseren Auftritten die Welt bereisen, desto mehr Geschwister und Liebhaber*innen treffen wir. Das ist unsere SADO-Familie. Was unsere Studioarbeit anbelangt, so werden dafür überwiegend unser Drummer Icky, der Colonel und Katya eingespannt. Dieser flotte Dreier liefert die frisch geborenen Tracks aus. Manchmal stößt noch jemand anderes dazu. Wir bezeichnen das als Kollaboration… So wie mit der französischen Band dOP auf »In The Dark«, dem deutschen Produzenten Noema für den »Bathroom Song« und »Imaginarium« oder dem Norweger Jarle Bråthen und Johannes Albert aus Lichtenberg, die die Remixe für unsere Single »Share The Blame« beigesteuert haben. Es gibt da noch ein paar andere Leute, die lieber anonym bleiben möchten.

  1. Was wünscht ihr euch für die Zukunft dieser Welt?

Was lässt sich der Welt schon anderes wünschen als Liebe, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung! Im Allgemeinen ist eines unserer Hauptziele, Wege zu finden, um uns von Definitionen und Grenzen aller Art freizumachen. Wir wünschen uns für die Gegenwart genauso wie für die Zukunft, dass wir das weiterhin tun und uns zwischendurch daran erinnern können, dass diese Herausforderung auch mit jeder Menge Spiel und Spaß einhergeht. Wir wünschten auch, dass mehr und mehr Menschen die Möglichkeit bekommen, sich zu vereinen und miteinander zu arbeiten. Wir sind offen für Kollaborationen und freuen uns immer darauf, neue Kolleg*innen zu treffen. Manche von ihnen werden zu Familienmitgliedern. Wir glauben fest an die Macht der selbsterwählten Familie. Zum Beispiel haben wir vor nicht allzu langer ein kollaboratives Projekt umgesetzt. Es ist ein Video für unseren Song »Patriarchs«. Das war eine sehr interessante Erfahrung für uns. Wir haben einfach auf Instagram einen Aufruf gestartet und so jede Menge fantastischer Künstler*innen gefunden! Es war sehr spannend für uns, zu sehen, wie Social Media – die ja auch ein Übel sein können – dazu dienen, Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen von überall her zusammenzubringen. Und wie es möglich wird, miteinander in Kontakt zu treten und zusammenzuarbeiten. Ein weiteres tolles Beispiel ist für uns die erste russische Online-Prida-Parade, die vom queeren russischen Magazin O-zine ins Leben gerufen wurde. Es ist eine interessante, mutige und lang erwartete Lösung angesichts der Einschränkungen in Russland, die nicht nur der Pandemie, sondern auch der notorischen »Schwulen-Propaganda«-Gesetze des Landes wegen bestehen. Obwohl die russische Pride in den Straßen verboten ist, findet sich die Community nun online zusammen.