06/07/2020

10 Fragen mit… Mueran Humanos

Mit unserer Interview-Serie »10 Fragen mit…« möchten wir euch eine Reihe von Acts aus dem diesjährigen Programm von Pop-Kultur vorstellen, die unbedingt einen Platz in euren Playlists und Herzen verdient haben. Auf SADO OPERA und MADANII & LLUCID folgt in dieser Woche das Duo Mueran Humanos.

  1. Ihr veröffentlicht seit dem Jahr 2007 zusammen Musik. Wie habt ihr euch kennengelernt und was führte zu eurer Zusammenarbeit?

Carmen Burgess: Wir haben uns in Buenos Aires kennengelernt, als Tomas seine alte Band DIOS verließ und ich in einer Gruppe namens Mujercitas Terror spielte. Ein paar Jahre später lebte Tomas in Europa und ich kam ihn besuchen. Ich war auf eine Art von der Musik enttäuscht und wollte mich ausschließlich auf Kunst und experimentelle Filme konzentrieren. Als wir zusammenlebten, fingen wir allerdings damit an, nur für uns selbst zu spielen, und ich konnte dem nicht entkommen. Tomas schlug vor, eine Kunstgruppe zu starten, bei der ich meinen Kram machen konnte – Videoexperimente vor allem – und für die wir die passende Musik produzieren könnten, ein bisschen wie bei Coum Transmissions. Aus unserer Kunstgruppe wurde mehr und mehr eine Art Rockband. Viele der frühen Filmarbeiten wurden wieder ausgegraben, als wir das Video produzierten, das unser Album »Hospital Lullabies« begleitet.

  1. Das Video zu »Hospital Lullabies« wurde von Carmen gefilmt und sie führte auch Regie. Aus welcher Motivation heraus habt ihr für ein ganzes Album anstatt wie üblich für nur zwei oder drei Songs einen Film produziert?

Carmen: Wir waren gerade dabei, das Abmischen des Albums zu Ende zu bringen und unterhielten uns mit dem Label über die Release-Details. Eines Tages erwähnte ich einer Freundin gegenüber, dass die Songs von Mueran Humanos auf YouTube meistens als Uploads von anonymen User*innen, die lediglich das Cover-Artwork zeigen, mehr Views bekommen, als es reguläre Musikvideos tun. Die Freundin schlug also vor, dass wir das gesamte Album hochladen sollten, bevor es irgendjemand anderes täte. Der Gedanke gefiel uns und wir begannen, das Material zu sichten, das sich bei mir angehäuft hatte. Während des Abmischens fiel uns auf, dass einige der Bilder zum Album passten, weshalb ich ziemlich hart dafür arbeitete, sie mit der Musik zusammenzubringen und sogar neues Material drehte.

  1. Das Video ist buchstäblich sehr eindringlich und bringt Körperhorror mit Erotizismus zusammen. Wie passen die Bilder zur Musik und den Inhalten der Songlyrics?

Carmen: Ich gehe Musik und Video instinktiv an. Du kannst Erotizismus mit einem Beigeschmack von Wahn ganz deutlich im Video sehen und dasselbe auch beim Hören unserer Musik fühlen – also, zumindest geht es allen so, die noch Gefühle in sich tragen. Die Mädchen aus dem Film sind wild, im Video wird eine unberührte Kindheit dargestellt. Dasselbe gilt für uns und unsere Musik. Alles, was ich mache, folgt demselben Prinzip: Es muss spielerisch und echt sein.

  1. Eure Alben-Cover folgen einer krassen Ästhetik und die meisten von ihnen zeigen menschliche, fast puppenhafte Gesichter, die wie mutiert oder sogar verstümmelt scheinen. Wie ergibt sich diese implizite Leitmotiv?

Tomas Nochteff: Die meisten der Cover – nicht das letzte, aber alle anderen – sind Teil eines Projekts von Carmen, für welches sie mit dem Teenie-Magazin Seventeen gearbeitet hat. Sie hat siebzehn Cover-Versionen von siebzehn Seventeen-Ausgaben erstellt und ist ziemlich brutal damit umgegangen. Ich habe das als Reaktion darauf verstanden, was die Gesellschaft jungen Mädchen abverlangt, nämlich dumm und oberflächlich zu sein. Carmen ließ ihrem Hass auf diesen Gedanken mit jeder Menge Humor, Grausamkeit und Gore freie Bahn. Das ist nur mein Verständnis davon und ich bin nicht sicher, ob sie dem zustimmen würde, vermutlich steckt noch mehr dahinter. Jedenfalls dachten wir, dass sie die perfekten Alben-Covers wären. Uns gefiel ihre Absurdität und die Balance zwischen Schönheit und Ekel.

  1. Pop wird vor allem im Bereich der elektronischen und der Rockmusik, von englischen Vocals dominiert. Was bedeutet es für euch, auf Spanisch zu singen?

Carmen: Na ja, es fühlt sich eher so an, als würde die gesamte Welt und nicht allein die Musikwelt von der englischen Sprache dominiert. In meiner eigenen Welt ist dem aber überhaupt nicht so, und in der passiert außerdem noch eine ganze Menge. Das beschäftigt mich viel zu sehr, als dass ich überhaupt darüber nachdenken könnte! Mir fällt schnell auf, wie klassistisch und manchmal auch rassistisch die Leute sind, ich hasse es besonders, das bei Menschen zu sehen, die angeblich zur Gegenkultur gehören. In der Szene bin Menschen begegnet, die wirklich glauben, als Polizist*innen und nicht etwa als Künstler*innen oder Musiker*innen auf die Welt gekommen zu sein. Wenn du natürlich aus einem wohlhabenden Land kommst, fällt es dir natürlich schwerer, das zu bemerken, weil du deiner Herkunft entsprechend besser behandelt wirst. Ich komme aus einem ärmlichen Land und als Band ist das für uns von Nachteil, denke ich. Aber ich bin Künstlerin und keine Yuppie. Wir singen auf Spanisch, weil sich das für uns natürlich und real anfühlt. Das bedeutet nicht, dass wir nicht auf Französisch oder Deutsch oder Englisch oder Vietnamesisch singen, es müsste nur natürlich kommen.

Tomas: Einen Plan gab es nie. Auf Spanisch zu singen, fühlte sich natürlich für uns an, und als die Leute hinzuhören begannen, überraschte uns das zuerst. Dann dachte ich mir, dass es eine schöne Erfahrung sei, Musik zuzuhören, ohne die Lyrics zu verstehen. Du denkst dir mittels deiner Vorstellungskraft deine eigenen aus. Ich glaube nicht, dass du unsere Lyrics verstehen musst, um nachvollziehen zu können, worum es uns geht.

  1. Literatur ist eine wichtige Komponente im Universum von Mueran Humanos. Welche Autor*innen haben euch in letzter Zeit besonders gefallen und wem sollte eurer Auffassung nach mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden?

Tomas: Vor Kurzem habe ich die vollständigen Werke von Arthur Machen und Algernon Blackwood gelesen, meine zwei liebsten Autoren aus dem Bereich des kosmischen Horrors. Alles von ihnen ist grandios. Ich habe mich auch zunehmend mit den Romanen von Graham Greene beschäftigt, die unterhaltsam sind und doch Tiefe haben, was mir sehr zusagt. Genauso habe ich mich mit Mario Levrero und Rodolfo Fogwill sowie der Lyrik von Mina Loy auseinandergesetzt. Ein Roman, den ich zuletzt gefunden und geliebt habe, ist »Generación Cochebomba« von Martin Roldan. Er spielt in Lima in den späten achtziger Jahren während der Sendero-Luminoso-Jahre. Den kann ich total empfehlen. Der Autor ist ein Punk-Musiker, er war dabei und der Roman ist wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hoffe, dass er bald übersetzt wird, das wäre absolut verdient.

  1. Eure Musik ist sehr vielseitig und speist sich gleichermaßen aus experimentellen elektronischen Sounds wie konventionellen Rock-Strukturen. Was sind die essentiellen Zutaten eines Mueran-Humanos-Songs?

Tomas: Ich glaube kaum, dass wir jemals einen Song geschrieben haben, der konventionellen Rock-Strukturen folgt. Aber ich verstehe, was du meinst, und tatsächlich haben wir sehr hohe Ansprüche daran, was ein Mueran-Humanos-Song mitbringen sollte. Du hast ganz richtig erraten, dass dabei eine ganze Reihe von Elementen aufeinandertrifft. Meistens steht am Beginn ein roher, abstrakter Sound, der uns beiden gefällt und dem wir aber eine Bedeutung verleihen wollen, weshalb wir Lyrics hinzufügen, was eine ganze Weile dauern kann. Zusätzlich braucht es eine gute Melodie, einen guten Rhythmus und natürlich eine wiedererkennbare Atmosphäre und eine hypnotische Qualität. Wir wollen, dass jeder Song eine lebendige Einheit bildet, wie ein Ort, den du aufsuchen kannst… Das ist ein ambitioniertes Ziel, das vermutlich unmöglich erreicht werden kann, aber welcher Sinn liegt darin, nicht ambitioniert zu sein? Wie heißt es doch so schön in diesem Lied: »It’s my party, and I cry if I want to«.

  1. Eure Alben transportieren in der Regel ein gewisses »Live-Feeling«. Wie gestaltet sich euer Arbeits- und Aufnahmeprozess?

Tomas: Wie bei allem für uns ist das ein Experiment und in der Regel handelt es sich um einen langen und sehr detaillierten Prozess. Gemeinhin aber versuchen wir immer, improvisierte Elemente oder auf die Schnelle entstandene Aufnahmen miteinzubeziehen, um es lebendiger zu gestalten. Wir wollen keinen allzu sauberen oder präzisen Sound, sondern zielen auf ein Gefühl, eine Atmosphäre ab, und Teile unserer Platten werden wie in einem Labor konstruiert, sehr detailversessen und mit manchen sehr »unpunkigen« Methoden. Wir können uns drei Tage lang über die Lautstärke einer Snare-Drum streiten, werden obsessiv und verlieren den Verstand. Das ist ungesund, schätze ich, aber ich liebe es. Wenn du nicht riskierst, für deine Kunst dem Wahnsinn anheim zu fallen, warum überhaupt machst du sie? Wir schmeißen spontane Elemente in den Mix, um das auszubalancieren und lassen bisweilen sogar ein paar Fehler drin, die sich leicht beheben ließen und von denen wir es doch vorziehen, sie zu erhalten. Es ist Alchmie.

  1. Besonders eure Live-Konzerte zeigen euer Faible für exzessive Improvisation, ganz ähnlich der von klassischen Kraut- und Psych-Rock-Bands. Was für eine Erfahrung wollt ihr eurem Publikum bereiten?

Tomas: Bei unseren Live-Shows blüht unsere Gruppe wirklich auf. Unsere Musik entsteht sowie live, beide von uns spielen zur selben Zeit. Auf der Bühne haben unsere Stücke offene Strukturen, sodass wir sie ausdehnen oder modifizieren können. Wir wissen nie, wie genau wir sie am selben Abend noch spielen werden. Sie sind wie ein Lebewesen. Mir gefällt die Gefahr daran.

  1. Natürlich aber wird sich euer Beitrag zu Pop-Kultur von der gewohnten Mueran-Humanos-Erfahrung unterscheiden. Könnt ihr uns schon verraten, was ihr geplant habt?

Tomas: Wir machen ein Video-Fanzine, das im TV-Show-Format von Pop-Kultur als Intervention dient. Darin werden wir verschiedene Dinge zeigen, die wir in verschiedenen Medien gemacht haben. Gedreht und aufgenommen wird in unseren Berliner Studio, speziell für das Festival mit einem Team aus Partner*innen, mit denen wir regelmäßig zusammenarbeiten.

 

Mueran Humanos

Mueran Humanos

Mit unserer Interview-Serie »10 Fragen mit…« möchten wir euch eine Reihe von Acts aus dem diesjährigen Programm von Pop-Kultur vorstellen, die unbedingt einen Platz in euren Playlists und Herzen verdient haben. Auf SADO OPERA und MADANII & LLUCID folgt in dieser Woche das Duo Mueran Humanos.

  1. Ihr veröffentlicht seit dem Jahr 2007 zusammen Musik. Wie habt ihr euch kennengelernt und was führte zu eurer Zusammenarbeit?

Carmen Burgess: Wir haben uns in Buenos Aires kennengelernt, als Tomas seine alte Band DIOS verließ und ich in einer Gruppe namens Mujercitas Terror spielte. Ein paar Jahre später lebte Tomas in Europa und ich kam ihn besuchen. Ich war auf eine Art von der Musik enttäuscht und wollte mich ausschließlich auf Kunst und experimentelle Filme konzentrieren. Als wir zusammenlebten, fingen wir allerdings damit an, nur für uns selbst zu spielen, und ich konnte dem nicht entkommen. Tomas schlug vor, eine Kunstgruppe zu starten, bei der ich meinen Kram machen konnte – Videoexperimente vor allem – und für die wir die passende Musik produzieren könnten, ein bisschen wie bei Coum Transmissions. Aus unserer Kunstgruppe wurde mehr und mehr eine Art Rockband. Viele der frühen Filmarbeiten wurden wieder ausgegraben, als wir das Video produzierten, das unser Album »Hospital Lullabies« begleitet.

  1. Das Video zu »Hospital Lullabies« wurde von Carmen gefilmt und sie führte auch Regie. Aus welcher Motivation heraus habt ihr für ein ganzes Album anstatt wie üblich für nur zwei oder drei Songs einen Film produziert?

Carmen: Wir waren gerade dabei, das Abmischen des Albums zu Ende zu bringen und unterhielten uns mit dem Label über die Release-Details. Eines Tages erwähnte ich einer Freundin gegenüber, dass die Songs von Mueran Humanos auf YouTube meistens als Uploads von anonymen User*innen, die lediglich das Cover-Artwork zeigen, mehr Views bekommen, als es reguläre Musikvideos tun. Die Freundin schlug also vor, dass wir das gesamte Album hochladen sollten, bevor es irgendjemand anderes täte. Der Gedanke gefiel uns und wir begannen, das Material zu sichten, das sich bei mir angehäuft hatte. Während des Abmischens fiel uns auf, dass einige der Bilder zum Album passten, weshalb ich ziemlich hart dafür arbeitete, sie mit der Musik zusammenzubringen und sogar neues Material drehte.

  1. Das Video ist buchstäblich sehr eindringlich und bringt Körperhorror mit Erotizismus zusammen. Wie passen die Bilder zur Musik und den Inhalten der Songlyrics?

Carmen: Ich gehe Musik und Video instinktiv an. Du kannst Erotizismus mit einem Beigeschmack von Wahn ganz deutlich im Video sehen und dasselbe auch beim Hören unserer Musik fühlen – also, zumindest geht es allen so, die noch Gefühle in sich tragen. Die Mädchen aus dem Film sind wild, im Video wird eine unberührte Kindheit dargestellt. Dasselbe gilt für uns und unsere Musik. Alles, was ich mache, folgt demselben Prinzip: Es muss spielerisch und echt sein.

  1. Eure Alben-Cover folgen einer krassen Ästhetik und die meisten von ihnen zeigen menschliche, fast puppenhafte Gesichter, die wie mutiert oder sogar verstümmelt scheinen. Wie ergibt sich diese implizite Leitmotiv?

Tomas Nochteff: Die meisten der Cover – nicht das letzte, aber alle anderen – sind Teil eines Projekts von Carmen, für welches sie mit dem Teenie-Magazin Seventeen gearbeitet hat. Sie hat siebzehn Cover-Versionen von siebzehn Seventeen-Ausgaben erstellt und ist ziemlich brutal damit umgegangen. Ich habe das als Reaktion darauf verstanden, was die Gesellschaft jungen Mädchen abverlangt, nämlich dumm und oberflächlich zu sein. Carmen ließ ihrem Hass auf diesen Gedanken mit jeder Menge Humor, Grausamkeit und Gore freie Bahn. Das ist nur mein Verständnis davon und ich bin nicht sicher, ob sie dem zustimmen würde, vermutlich steckt noch mehr dahinter. Jedenfalls dachten wir, dass sie die perfekten Alben-Covers wären. Uns gefiel ihre Absurdität und die Balance zwischen Schönheit und Ekel.

  1. Pop wird vor allem im Bereich der elektronischen und der Rockmusik, von englischen Vocals dominiert. Was bedeutet es für euch, auf Spanisch zu singen?

Carmen: Na ja, es fühlt sich eher so an, als würde die gesamte Welt und nicht allein die Musikwelt von der englischen Sprache dominiert. In meiner eigenen Welt ist dem aber überhaupt nicht so, und in der passiert außerdem noch eine ganze Menge. Das beschäftigt mich viel zu sehr, als dass ich überhaupt darüber nachdenken könnte! Mir fällt schnell auf, wie klassistisch und manchmal auch rassistisch die Leute sind, ich hasse es besonders, das bei Menschen zu sehen, die angeblich zur Gegenkultur gehören. In der Szene bin Menschen begegnet, die wirklich glauben, als Polizist*innen und nicht etwa als Künstler*innen oder Musiker*innen auf die Welt gekommen zu sein. Wenn du natürlich aus einem wohlhabenden Land kommst, fällt es dir natürlich schwerer, das zu bemerken, weil du deiner Herkunft entsprechend besser behandelt wirst. Ich komme aus einem ärmlichen Land und als Band ist das für uns von Nachteil, denke ich. Aber ich bin Künstlerin und keine Yuppie. Wir singen auf Spanisch, weil sich das für uns natürlich und real anfühlt. Das bedeutet nicht, dass wir nicht auf Französisch oder Deutsch oder Englisch oder Vietnamesisch singen, es müsste nur natürlich kommen.

Tomas: Einen Plan gab es nie. Auf Spanisch zu singen, fühlte sich natürlich für uns an, und als die Leute hinzuhören begannen, überraschte uns das zuerst. Dann dachte ich mir, dass es eine schöne Erfahrung sei, Musik zuzuhören, ohne die Lyrics zu verstehen. Du denkst dir mittels deiner Vorstellungskraft deine eigenen aus. Ich glaube nicht, dass du unsere Lyrics verstehen musst, um nachvollziehen zu können, worum es uns geht.

  1. Literatur ist eine wichtige Komponente im Universum von Mueran Humanos. Welche Autor*innen haben euch in letzter Zeit besonders gefallen und wem sollte eurer Auffassung nach mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden?

Tomas: Vor Kurzem habe ich die vollständigen Werke von Arthur Machen und Algernon Blackwood gelesen, meine zwei liebsten Autoren aus dem Bereich des kosmischen Horrors. Alles von ihnen ist grandios. Ich habe mich auch zunehmend mit den Romanen von Graham Greene beschäftigt, die unterhaltsam sind und doch Tiefe haben, was mir sehr zusagt. Genauso habe ich mich mit Mario Levrero und Rodolfo Fogwill sowie der Lyrik von Mina Loy auseinandergesetzt. Ein Roman, den ich zuletzt gefunden und geliebt habe, ist »Generación Cochebomba« von Martin Roldan. Er spielt in Lima in den späten achtziger Jahren während der Sendero-Luminoso-Jahre. Den kann ich total empfehlen. Der Autor ist ein Punk-Musiker, er war dabei und der Roman ist wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hoffe, dass er bald übersetzt wird, das wäre absolut verdient.

  1. Eure Musik ist sehr vielseitig und speist sich gleichermaßen aus experimentellen elektronischen Sounds wie konventionellen Rock-Strukturen. Was sind die essentiellen Zutaten eines Mueran-Humanos-Songs?

Tomas: Ich glaube kaum, dass wir jemals einen Song geschrieben haben, der konventionellen Rock-Strukturen folgt. Aber ich verstehe, was du meinst, und tatsächlich haben wir sehr hohe Ansprüche daran, was ein Mueran-Humanos-Song mitbringen sollte. Du hast ganz richtig erraten, dass dabei eine ganze Reihe von Elementen aufeinandertrifft. Meistens steht am Beginn ein roher, abstrakter Sound, der uns beiden gefällt und dem wir aber eine Bedeutung verleihen wollen, weshalb wir Lyrics hinzufügen, was eine ganze Weile dauern kann. Zusätzlich braucht es eine gute Melodie, einen guten Rhythmus und natürlich eine wiedererkennbare Atmosphäre und eine hypnotische Qualität. Wir wollen, dass jeder Song eine lebendige Einheit bildet, wie ein Ort, den du aufsuchen kannst… Das ist ein ambitioniertes Ziel, das vermutlich unmöglich erreicht werden kann, aber welcher Sinn liegt darin, nicht ambitioniert zu sein? Wie heißt es doch so schön in diesem Lied: »It’s my party, and I cry if I want to«.

  1. Eure Alben transportieren in der Regel ein gewisses »Live-Feeling«. Wie gestaltet sich euer Arbeits- und Aufnahmeprozess?

Tomas: Wie bei allem für uns ist das ein Experiment und in der Regel handelt es sich um einen langen und sehr detaillierten Prozess. Gemeinhin aber versuchen wir immer, improvisierte Elemente oder auf die Schnelle entstandene Aufnahmen miteinzubeziehen, um es lebendiger zu gestalten. Wir wollen keinen allzu sauberen oder präzisen Sound, sondern zielen auf ein Gefühl, eine Atmosphäre ab, und Teile unserer Platten werden wie in einem Labor konstruiert, sehr detailversessen und mit manchen sehr »unpunkigen« Methoden. Wir können uns drei Tage lang über die Lautstärke einer Snare-Drum streiten, werden obsessiv und verlieren den Verstand. Das ist ungesund, schätze ich, aber ich liebe es. Wenn du nicht riskierst, für deine Kunst dem Wahnsinn anheim zu fallen, warum überhaupt machst du sie? Wir schmeißen spontane Elemente in den Mix, um das auszubalancieren und lassen bisweilen sogar ein paar Fehler drin, die sich leicht beheben ließen und von denen wir es doch vorziehen, sie zu erhalten. Es ist Alchmie.

  1. Besonders eure Live-Konzerte zeigen euer Faible für exzessive Improvisation, ganz ähnlich der von klassischen Kraut- und Psych-Rock-Bands. Was für eine Erfahrung wollt ihr eurem Publikum bereiten?

Tomas: Bei unseren Live-Shows blüht unsere Gruppe wirklich auf. Unsere Musik entsteht sowie live, beide von uns spielen zur selben Zeit. Auf der Bühne haben unsere Stücke offene Strukturen, sodass wir sie ausdehnen oder modifizieren können. Wir wissen nie, wie genau wir sie am selben Abend noch spielen werden. Sie sind wie ein Lebewesen. Mir gefällt die Gefahr daran.

  1. Natürlich aber wird sich euer Beitrag zu Pop-Kultur von der gewohnten Mueran-Humanos-Erfahrung unterscheiden. Könnt ihr uns schon verraten, was ihr geplant habt?

Tomas: Wir machen ein Video-Fanzine, das im TV-Show-Format von Pop-Kultur als Intervention dient. Darin werden wir verschiedene Dinge zeigen, die wir in verschiedenen Medien gemacht haben. Gedreht und aufgenommen wird in unseren Berliner Studio, speziell für das Festival mit einem Team aus Partner*innen, mit denen wir regelmäßig zusammenarbeiten.